Angedacht

„Lobe den Herrn, meine Seele…“

…und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ (Psalm 103,2)

Zu einem gelingenden Leben gehört ein gutes Gedächtnis – ein gutes Gedächtnis nicht bloß für Namen, Fakten und Vokabeln, sondern vor allem für das Glück.
Es war das verflixte siebte Jahr – und die Ehe von Michael und Sabine stand vor dem Aus. Sie gaben sich einen Ruck und gingen gemeinsam zu einer Paarberatung. Und dann saßen sie da, mit dieser zwar netten, aber doch fremden Therapeutin, beide ein Häufchen Elend, ratlos und traurig. Wie hatte es nur soweit kommen können? Statt langer Zwiegespräche im Kerzenschein – Langeweile vor der Glotze. Statt Lust … Frust. Statt heißer Liebe nur noch kühles Nebeneinander. Michael klagt, dass Sabine ihm immer Vorschriften macht, immer an ihm rumkritisiert und rumerzieht. Sie klagt, dass er ihr nie zuhört, ihr den ganzen Alltags-Kleinkram überlässt, gar nicht mehr für sie da ist. Am Ende der ersten Therapiestunde, nach vielen Vorwürfen und vollgeheulten Tempotaschentüchern gibt die Therapeutin den beiden eine Hausaufgabe mit. „Vergessen sie mal alles, was Ihnen an Ihrem Partner missfällt. Überlegen Sie stattdessen, warum Sie, Michael, sich damals in Sabine verliebt haben. Und Sie auch, Sabine: Erinnern Sie sich: Womit hat Michael Sie damals verzaubert? Und schreiben Sie es auf einen Zettel: Was war gut, welche Glücksmomente gab es – damals, in der ersten Zeit?“ In der nächsten Sitzung haben Sabine und Michael ihre Hausaufgaben gemacht.
Zögernd beginnt Michael: „Es war bei unserer ersten Verabredung“, sagt er, „Du hattest dieses blauweiße Kleid an. Und deine langen Haare waren einfach der Hammer! Und dann ist dir ein Hacken vom Schuh abgebrochen. Aber du hast nur gelacht, hast die Schuhe in die Hand genommen und bist barfuß weitergelaufen. Ich fand das einfach hinreißend.“ „Und du hast für unser erstes Date deinen alten, klapprigen VW Polo geputzt – der glänzte, wie noch nie! Ich war irgendwie gerührt.“ lacht sie. „Und als dir das Auto ein paar Wochen später geklaut wurde, und ich war deshalb völlig entsetzt – da sagtest du: Egal, ist doch nur ein Auto. Hauptsache, du wirst mir nicht geklaut! … Deinen Charme und deine Gelassenheit fand ich toll!“ „Und wie du unser erstes Kind zur Welt gebracht hast“, erzählt er. „Ich war dabei und werde es nie vergessen!“
„Und wie du mir mit meiner Mutter geholfen hast nach ihrem Schlaganfall, das hätte ich nie erwartet!“ – sagt sie. Die Therapeutin meint, es könnte der Anfang einer Heilung sein für Michael und Sabine und ihre Ehe, wenn sie das Gute in ihrem gemeinsamen Leben nicht vergessen, sondern erinnern. Sich die Geschichten ihrer Liebe immer wieder erzählen. Und dann auch wiederbeleben, wieder an das anknüpfen, was sie damals, vor sieben Jahren miteinander angefangen haben.
Vergiss nicht das Gute in deinem Leben! Vergiss nicht, was Gott dir Gutes getan hat. Manchmal muss man – so wie Sabine und Michael – sich hinsetzen und überlegen: Was hat mein Leben reich und glücklich gemacht?  Wofür bin ich dankbar, Gott dankbar?
Und was ist stärker als die Erfahrungen des Scheiterns, stärker als das Unglück, stärker als die vollgeheulten Papiertaschentücher? Gott will unser Leben heilen. Er ist an unserem Glück interessiert. Deshalb ist auch die Erinnerung an das Gute so wichtig. Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.
Thomas Steinbacher

(Radioandacht vom 22.9.2019)

L B„Lobe den Herrn, meine Seele…“

„Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe!“


Matthäus 10,7 | Monatsspruch August 2019

„Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!“ An jedem Freitag ziehen hunderte, tausende Schülerinnen und Schüler durch Berlin-Mitte und skandieren ihren Protest gegen uns Erwachsene und unsere Gleichgültigkeit gegenüber der Zerstörung des Planeten. Ich war an einem Freitag mit meiner Tochter dabei. Es bewegt mich seitdem sehr.
Inspiriert von der 16-jährigen Greta Thunberg, die seit dem Sommer 2018 jeden Freitag vor dem schwedischen Parlament einen „Schulstreik für das Klima“ durchführte, demonstrieren inzwischen weltweit Millionen junger Menschen für den Klimaschutz. „Ich möchte, dass ihr Panik kriegt!“, sagt Greta Thunberg vor der UNO oder dem Europäischen Parlament. Denn wir haben keine Zeit mehr. Die Folgen des Klimawandels sind schon jetzt spürbar. Und der Moment der Unumkehrbarkeit ist nahe.
Ich denke, Greta Thunberg ist eine Prophetin unserer Zeit, sie ist Gottes Prophetin. Möge sie nicht wie eine Kassandra sein, deren Unheilsbotschaft zwar als interessantes Medienphänomen gehypt wird, aber am Ende doch folgenlos verpufft…

Auch Jesus ruft seine Jüngerinnen und Jünger mit großer Dringlichkeit aus ihren Fernsehsesseln heraus. „Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe!“ Wenn das Himmelreich nahe ist, dann heißt das: Gott ist nahe, sein Heil, seine brennende Liebe, seine alles verändernde Gerechtigkeit. Das ist keine Panikmache. Aber das ist auch kein „Eiapopeia vom Himmel“, wie Heinrich Heine spottete, keine Jenseitsvertröstung, sondern eine dringliche Hier-und-Jetzt-Botschaft. Gott lässt nicht zu, dass wir unseren Kindern die Zukunft klauen; er will die Zukunft eröffnen, den Himmel erden. Er gibt seine Schöpfung nicht preis, sondern will sie wieder so, wie sie gemeint war: bunt und von Leben strotzend.

Interessantes Detail bei Matthäus 10,5-14: Als Jesus seine Jüngerinnen und Jünger losschickt auf die „Demo“ für das Himmelreich, empfiehlt er ihnen drei Dinge: Klarheit, Bescheidenheit und Verzicht auf jeglichen Luxus. So haben sie die Hände und Herzen frei, um Kranke zu heilen, Tote aufzuwecken und böse Geister auszutreiben.

Thomas Steinbacher

L B„Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe!“

„Freundliche Reden sind Honigseim, süß für die Seele und heilsam für die Glieder.“

 Spr. 16,24 – Monatsspruch Juni 2019

Johann Peter Hebel, ein Volksdichter aus dem 18. Jahrhundert, hat die folgende Geschichte erzählt:
Da trifft ein Bauer den Herrn Schulmeister. „Ist es etwa ihr Ernst, Schulmeister, was ihr gestern den Kindern in der Schule erklärt habt: Wenn dich jemand schlägt auf deine rechte Backe, dem biete die andere auch dar?“ Der Herr Schulmeister sagt: „Ich kann nichts davon- und nichts dazutun. Es steht nun mal so im Evangelium.“ Also gab ihm der Bauer eine Ohrfeige und eine zweite auch, denn er hatte schon lange einen Verdruss auf ihn. Indem reitet in einer Entfernung ein Edelmann vorbei und sein Jäger. „Schau doch, Joseph, was die zwei dort miteinander haben.“ Als der Joseph kommt, gibt der Schulmeister, der ein starker Mann war, dem Bauern auch zwei Ohrfeigen und sagt: „Es steht auch geschrieben: Mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch wieder gemessen werden, und man wird euch noch dazugeben.“ Und zu dem letzten Sprüchlein gab er ihm noch ein halbes Dutzend Ohrfeigen drein. Da kam der Joseph zu seinem Herrn zurück und sagte: „Es hat nichts zu bedeuten, gnädiger Herr; sie legen einander nur die Heilige Schrift aus.“

Die Geschichte beschreibt auf lustige Weise, wovon wir ein trauriges Lied singen können: immer wieder werden Worte der Bibel und Argumente des Glaubens missbraucht, zu Ohrfeigen gemacht, oft sogar zu Waffen, mit denen man andere bekämpft und bekriegt.

„Es hat nichts zu bedeuten; sie legen einander nur die Heilige Schrift aus.“…

Wie lege ich anderen eine Wahrheit aus, von der ich überzeugt bin?

Wie diskutiere ich, wenn ich hinter einer Sache stehe: mit schlagenden Argumenten? Mit Worten, die wie Backpfeifen sind, die verletzen, abgrenzen, totschlagen? Auch in den politischen Auseinandersetzungen unserer Zeit erleben wir ja eine Verrohung der Sprache und der Sitten. Da geht es schon lange nicht mehr darum, im Abwägen verschiedener Meinungen die besten und die überzeugendsten Argumente herauszuarbeiten. Meist geht es nur noch um den medienwirksamen Schlag-Abtausch, um die Schlag-Zeile und das Schlag-Wort. Haben wir keinen Nerv mehr für die leiseren Töne, für die differenzierten Wahrheiten, die oft mühsamer zu erklären und zu verstehen sind? Max Frisch schrieb: Man kann die Wahrheit einem anderen um die Ohren hauen wie einen nassen Lappen. Man kann sie ihm aber auch hinhalten und ihm hineinhelfen, wie in einen Mantel, der wärmt.

Schön wär‘s, wenn wir mit unseren Worten und Argumenten so umgehen würden: einander hineinhelfen wie in einen Mantel, der wärmt.
 Thomas Steinbacher

 

L B„Freundliche Reden sind Honigseim, süß für die Seele und heilsam für die Glieder.“

„Suche Frieden und jage ihm nach!“


„Suche Frieden und jage ihm nach!“ (Psalm 34,15)

Das beeindruckende Foto auf dem Titelblatt hat Holger Mittelstädt im Oktober 2018 auf der schottischen Insel Jura „geschossen“: ein stolzer Hirsch, der trotz seines lädierten Geweihs voller Würde und Schönheit in die Kamera blickt. Hat ihm ein Jäger die rechte Seite seines Kopfschmucks weggeschossen? Oder hat er beim Kampf mit einem Rivalen einen Teil seines Geweihs eingebüßt?
Mir kommen die kitschigen Gemälde mit röhrenden Hirschen in den Sinn, die vielfach in den guten Stuben unserer Großeltern hingen. Diese Hirsche waren immer perfekt gemalt, mit prächtigem Geweih, in prächtiger Berglandschaft oder auf einer Waldlichtung im Abendrot. „Ein bisschen Frieden“ sollten sie wohl ausstrahlen, gerade in Zeiten, wo Krieg und Nachkriegszeit die Landschaften und die Seelen der Menschen verwundet hatten.
Mir gefällt der lädierte Hirsch besser. Er erscheint mir ehrlicher. Er bringt mich auf den Gedanken, dass ja die meisten von uns ebenfalls lädiert sind, mit Wunden und Narben durchs Leben gehen, von Kämpfen und Verletzungen gezeichnet sind. Niemand ist perfekt und mancher „hat einen Schuss“, wie man in Berlin so unverblümt sagt.
Es lohnt sich, den ganzen Psalm 34 zu meditieren, aus dem die Jahreslosung entnommen ist. „Der Herr ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben“, wird da versprochen. Und: „Die auf den Herrn sehen, werden strahlen vor Freude, und ihr Angesicht soll nicht schamrot werden“. Weil Gott uns so nimmt, wie wir sind, auch mit lädiertem Geweih, können wir strahlen, brauchen uns nicht schämen, können aufatmen. Wie der Hirsch auf dem Foto: Kopf hoch und gelassen den Dingen ins Auge schauen. Suche Frieden und jage ihm nach! Das heißt: Mache deinen Frieden mit dem, was dich geprägt und verletzt, gezeichnet und lädiert hat. Und dann: Suche Frieden mit den Menschen um dich herum, die nun mal so sind, wie sie sind. Und schließlich: Bete und arbeite für den Frieden in der Welt. Christus stärkt dir den Rücken. Er verheißt: „Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ (Matthäus 5,9)

Herzlich grüßt Sie und euch,

Thomas Steinbacher

L B„Suche Frieden und jage ihm nach!“

„Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“


„Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ (Lukas 21,28)

Wenn die vorweihnachtlichen To-Do-Listen immer länger werden, ein Termin
den anderen jagt, wenn die noch nicht erledigten Dinge mir im Nacken
sitzen und der Adventsstress den Höhepunkt erreicht, dann reagiert mein
Körper. Ich kriege in solchen Zeiten – gerne auch mal kurz vor
Weihnachten – einen steifen Hals, Verspannungen im Nacken, im
schlimmsten Fall Hexenschuss.
Und dann hilft nur noch Bärbel. Die nette und resolute Physiotherapeutin
legt mir Fangopackungen auf den Rücken und massiert meinen Nacken. Und
sie macht so Übungen mit mir: Rückengymnastik mitten im Advent. Da steh
ich dann und Bärbel erklärt mir, was ich tun muss: „Kopf hoch. Stell dir
vor, dein Kopf wird an einem Faden hochgezogen. Ganz langsam, wie von
einer unsichtbaren Hand. Und diese Hand zieht wie mit einem feinen Band
den Scheitel langsam nach oben, Richtung Himmel.“ Und tatsächlich,
Schmerz lass nach! Die Adventsgymnastik wirkt. Meine Halswirbel strecken
sich, die Schultern dehnen sich. Ich merke, wie ich besser atmen kann,
der ganze Körper richtet sich auf.
„Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“
Das ist die biblische Verordnung für den Advent. Sie gilt allen, die
ganz verspannt und verkrampft durch diese Zeiten rennen, mit hängendem
Kopf und steifer Seele, weil sie sich viel zu viel aufgeladen haben.
Weil ihnen Druck im Nacken sitzt oder Sorgen, die immer größer werden.
Kopf hoch, behaltet den Himmel im Blick! Starrt nicht immer nur wie
gebannt nach unten, aus Angst, vielleicht zu stolpern. Lasst euch nicht
runterziehen von Drohkulissen und Angstmachern. Starrt nicht immer nur
auf die eigenen, viel zu kleinen Kräfte, auf das, was misslingt, was
verletzt und wehtut. Gott hat dich als Homo erectus erschaffen, als
Mensch mit aufrechtem Gang. Wer immer nur nach unten starrt, auf das
kleine Stück des Weges, das gerade vor ihm liegt, der wird buchstäblich
kurzsichtig. Wer immer nur gebückt geht, wird krank. Die Welt wird eng.
Der Blickwinkel begrenzt. Die Aussicht deprimierend. Das Rückgrat
verkrümmt.
„Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“
Die Erlösung, der Erlöser – er kommt in einer Krippe zur Welt, als
Mensch unter Menschen und doch ganz anders. Er richtet verkrümmte
Menschen auf, er heilt geknickte Seelen, erlöst die verkorkste Welt,
bringt Gott unter die Leute und den Himmel auf die Erde.
Ich schiebe den Scheitel nach oben, ganz langsam. Ich hebe den Kopf, und
die Welt verändert sich. Der Himmel kommt in den Blick. Meine Stimmung
wird heller, ich atme auf. Ich will Bärbels Adventsgymnastik in meinen
Tagesablauf einbauen in dieser manchmal so stressigen Vorweihnachtszeit.
Nicht nur als Prophylaxe gegen steifen Hals, Hexenschuss und
Winterdepression, sondern als Vorbereitung auf den, der kommt.

Thomas Steinbacher

(„Das Wort“ am 9.12.2018  auf Radio Berlin 88,8)

L B„Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“

Herr, all mein Sehen liegt offen vor dir, mein Seufzen war dir nicht verborgen


Psalm 38,10 – Monatsspruch Oktober

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

im Urlaub auf Bornholm ist es mir im vorigen Jahr erstmals so richtig bewusst geworden, wie erschreckend viel „er“ über mich weiß. All mein Sehnen scheint offen vor „ihm“ zu liegen, dem Internetkonzern, bei dem ich täglich meine Suchanfragen eingebe, Adressen, Personen und Themen, die mich interessieren. Nicht nur das… – von „ihm“ lasse ich mich auch durch die Gegend navigieren, mit „seiner“ Hilfe buche ich Reisen und kaufe Dinge, die es im Laden um die Ecke nicht gibt. Und dann ploppen also im Bornholmer Ferienhaus (mit WLAN-Anschluss) auf meinem Smartphone plötzlich Nachrichten auf, und „er“ schlägt mir vor, welche Fischrestaurants es in der Nähe gibt und welche Konzerte in den nächsten Tagen im näheren Umkreis stattfinden. Ich war erschrocken: Woher weiß „er“, dass ich gerne Fisch esse und im Urlaub besonders gern Konzerte besuche?
Manchmal wirkt es, als würden Google & Co. mehr und mehr Attribute Gottes okkupieren: Allwissenheit, Allgegenwart, Allmacht. Doch bei den Riesen des Internet geht es letztlich nur um Kaufen und Verkaufen, um Geld und immer mehr Geld. Mein innerstes Sehnen und Seufzen, meine wahren Gründe und auch meine Abgründe – sie bleiben den digitalen Götzen verborgen.
Der lebendige Gott dagegen interessiert sich wirklich für mich. Er will, dass ich Sinn und Glück erlebe. Ihn kann ich mit Du anreden. Er hört und versteht auch das, was ich gar nicht aussprechen mag. Der Beter von Psalm 38 bekennt, dass Gott auch die dunklen Ecken kennt, die schwer zu tragenden Geheimnisse, die Sünden, die den Beter wie eine schwere Last krumm und gebückt gehen lassen. Einsamkeit, heißt es, sei eine Krankheit unserer Zeit, in der Menschen andere nicht brauchen, weil sie alles alleine können und machen – gern auch mit Hilfe der so genannten Sozialen Medien. So lange, bis sie in der realen, der „analogen“ Welt niemanden mehr kennen und selber nicht mehr gekannt werden. Erschreckend ist, dass bereits junge Menschen vereinsamen. Was nicht weiter auffällt, wenn sie ihr Sehnen nicht zeigen und ihr Seufzen niemand hört. Doch sie alle bleiben erfüllt von der Sehnsucht danach, dass das Leben wieder gut wird mit sozialen Bindungen, dass sie wieder Freunde finden oder in eine Familie zurückkehren. Gott versteht, hört hin, schenkt Vertrauen und Zuversicht, dieses Sehnen in Worte zu fassen.

Herzliche Grüße, Ihr und Euer

Thomas Steinbacher

L BHerr, all mein Sehen liegt offen vor dir, mein Seufzen war dir nicht verborgen

Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt.


Hebräer 13,2, Monatsspruch Juni

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Gastfreundschaft ist heilig. Davon erzählt die Bibel auf ihren ersten Seiten (1.Mose 18): an Abrahams Zelt kommen in der Mittagshitze drei Männer vorbei. Abraham bittet, ja nötigt sie, bei ihm einzukehren, sich die Füße waschen und sich bewirten zu lassen. Nach dem Gastmahl stellt sich heraus, dass in den geheimnisvollen Männern Gott selbst bei Abraham und seiner Frau Sara eingekehrt ist. Gott hat eine Verheißung mitgebracht: das alt gewordene Paar soll doch noch den lang ersehnten Nachwuchs bekommen.
Auf diese Geschichte spielt am anderen Ende der Bibel der Hebräerbrief an: Wenn wir gastfreundlich sind, dann könnte es sein, dass wir, ohne es zu ahnen, Engel – also Boten Gottes – an unseren Tisch einladen.

Gastfreundschaft kann überraschen. Als wir bei unserer Ägyptenreise in Alexandria bei der Besichtigung einer koptischen Kirche zufällig eine Hochzeitszeremonie miterlebten, wurden wir prompt eingeladen: zunächst ganz freimütig zum Fotografieren, und dann sogar zum Hochzeitsessen. Dabei waren wir doch völlig fremde Ausländer! Wir waren so perplex, vielleicht auch ein bisschen misstrauisch, dass wir die Einladung nicht angenommen haben. Im Nachhinein haben wir uns sehr ausgiebig über uns selber geärgert.
Zuhause habe ich auch schon das Gegenteil erlebt: bei alten Bekannten geklingelt und zu hören gekriegt: „Sorry, es passt gerade nicht!“

Gastfreundschaft macht glücklich. Ich will mir vornehmen, niemanden vor meiner Tür stehen zu lassen. Will mir auch ohne vorherige Anmeldung Zeit nehmen für ein spontanes Gespräch, eine kurzfristige Einladung.  Auch wenn es meine Pläne sprengt. Will die Feste feiern, wie sie fallen. Ob jedes Mal ein Engel zu Besuch war, weiß ich gar nicht so genau. Beflügelt haben mich aber unsere Gäste und die Gespräche eigentlich immer.

Ich wünsche euch allen, die ihr demnächst in den Urlaub aufbrecht, überraschende Begegnungen, glückliche Erfahrungen und Offenheit für andere, auch fremde Menschen. Und – wo es sich ergibt – Gastfreundschaft: im Geben und im Nehmen.

Herzlich,

Thomas Steinbacher

L BVergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt.

Jesus Christus spricht: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.

Jesus Christus spricht: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.

Johannes 20,21 – Monatsspruch April 2018

 

Liebe Leserinnen und Leser,

Der Monatsspruch ist aus einer dieser geheimnisvollen Oster- und Pfingstgeschichten aus dem Neuen Testament. Sie sind so geschrieben, dass wir uns darin wiederfinden sollen. Vielleicht so:

Wie die Jünger damals am Karfreitag haben auch wir uns zurückgezogen. Verschanzen uns hinter unseren Kirchenmauern oder ziehen uns ins Privatleben zurück. Lieber nicht in die Öffentlichkeit gehen mit der Jesusbotschaft! Man weiß ja nie… und überhaupt… Wir haben zwar die Geschichte von der Auferstehung gehört (wie die Jünger von Maria Magdalena: „Ich habe den Herrn gesehen!“), aber wir wissen nicht so recht, was wir damit anfangen sollen, was das für Auswirkungen haben soll auf unser Leben.

Da muss der Auferstandene schon selber kommen, muss unsere Mauern überwinden, vor allem die in den Köpfen. Er muss unsere Furcht aufweichen und unsere Bequemlichkeit. „Friede sei mit euch!“ sagt er. Interessanterweise muss Jesus das sogar mehrmals sagen, wie man in Johannes 20 nachlesen kann. Als sei sogar die persönliche Begegnung mit Jesus wiederholungsbedürftig. „Sie wurden froh, dass sie den Herrn sahen“, heißt es erstmal ziemlich verhalten. Begeisterung klingt anders. Die kommt erst beim zweiten Friede-sei-mit-Euch. Da bläst Jesus sie an, pustet ihnen den Schlaf aus den Augen und die Angst aus dem Herzen. „Nehmt hin den heiligen Geist!“ Lasst Luft in eure Mauern, Geist in eure Köpfe, Mut in euer Reden und Handeln!

„Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch!“ sagt Jesus und schickt uns damit nach Draußen. Wir brauchen nicht mehr nur unter uns bleiben. Nicht mehr nur mit Gleichgesinnten reden und essen und befreundet sein. Und auch das, was wir von Jesus gesehen und begriffen haben, müssen wir nicht mehr für uns behalten, sondern können es öffentlich zeigen und mit Leben füllen. Angstfrei und ohne jede Verbissenheit. Gottes Schalom hält uns den Rücken frei – versprochen von Jesus: Friede sei mit euch!

Eine gesegnete Osterzeit wünscht Ihnen und euch,
Thomas Steinbacher

 

L BJesus Christus spricht: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.

Durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes…

… wird uns besuchen das aufgehende Licht aus der Höhe, damit es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.

Lukas 1,78–79 // Monatsspruch Dezember 2017

 

Liebe Leserinnen und Leser,

die alten Meister konnten auf großartige Weise den Kontrast von Licht und Dunkelheit malen. So auch Federigio Barocci (1526-1612) mit seinem Bild der Geburt Christi, das auf der Titelseite des Gemeindebriefs zu bewundern ist. Im Zentrum die lichte Gestalt der Maria. Ihr leuchtender Blick und ihre offenen Hände wenden sich ihrem Kind zu, das ebenfalls von innen her strahlt und leuchtet. Der Rest des Bildes ist im Dunkel und Halbdunkel. Josef im Schatten hat gerade zwei Besuchern die Tür geöffnet und zeigt auf das Jesuskind, weist auf die Richtung, aus der das Licht kommt.

Auch wenn wir als moderne Menschen echte Finsternis kaum noch kennen und beispielsweise in Berlin wegen des Lichtsmogs kaum noch den Sternenhimmel bewundern können, haben wir doch eine Ahnung davon, was es heißt „in Finsternis und Schatten des Todes zu sitzen“.
Ich jedenfalls hab‘s gern hell, ich tappe nicht gern im Dunkeln, ich möchte lieber alles bei Licht besehen und durchschauen. Nächte, in denen ich nicht schlafen kann, weil etwas nicht in Ordnung ist, weil die dunklen Seiten des Lebens übermächtig scheinen, solche Nächte machen mir Angst. Ich warte auf den Morgen, darauf, dass es hell in mir und für mich wird. Wahrscheinlich werden nachts sehr viel mehr Gebete gen Himmel geschickt als tagsüber. Unsere Seelen brauchen Licht und Gottes Nähe, denn manche Nächte sind kaum auszuhalten.

Die Botschaft von Weihnachten erzählt von der Überwindung der Nacht. In dem Kind der Maria kommt Gott zur Welt. In Christus leuchtet uns Gottes Angesicht, strahlt uns an und überwindet Angst und Tod. Finstere Machenschaften werden überwunden, Dunkelmänner entmachtet. Unsere Füße werden auf den Weg des Friedens gerichtet. Auch in schlaflosen Nächten darf ich wissen: der neue Morgen kommt.
Ich wünsche Ihnen und euch eine lichtvolle Advents- und Weihnachtszeit und ein friedliches neues Jahr!

Thomas Steinbacher

 

L BDurch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes…

Danke, Biene!

Im Sommerurlaub habe ich „Die Geschichte der Bienen“ gelesen. Der Roman der norwegischen Schriftstellerin Maja Lunde verbindet das Schicksal der Menschen mit dem Schicksal der Bienen. Ein englischer Forscher entwirft im Jahr 1852 einen neuartigen Bienenstock, der eine artgerechte Bienenzucht und Honigproduktion ermöglichen soll. Ein zweiter Erzählstrang springt in die Gegenwart. In Ohio verschwinden im Jahr 2007 plötzlich die Bienen. Sie sterben massenhaft, und das treibt nicht nur Imker, sondern auch Obstbauern in den Ruin. Denn die Bienen sind ja nicht nur nützliche Honigproduzentinnen, sondern sie bestäuben die meisten Obst- und sonstigen Fruchtpflanzen. Der dritte Erzählstrang des Romans malt die düstere Zukunft einer Welt ohne Insekten. In China im Jahr 2098 müssen tausende Arbeiterinnen von Hand Bäume bestäuben, denn Bienen gibt es längst nicht mehr. Die Nahrungsmittelproduktion ist weltweit zusammengebrochen. Die Bestäubung von Obstbäumen durch Menschenhand kann dies nur ansatzweise wettmachen…

Meine Urlaubslektüre hat mich aufmerksam für die Welt der Insekten gemacht.
Mit Sorge nehme ich wahr, dass beim Autofahren übers Land kaum noch Insekten an der Windschutzscheibe kleben. Ich sehe, wie bienenfeindlich die riesigen Felder sind, an denen wir stundenlang vorbeiradeln. Monokulturen statt bunter Felder mit Rainen und wilden Wiesen. Mit Sorge lese ich die Nachrichten über das weltweite Bienensterben und die dramatische Dezimierung fast aller Insektenarten – von Wildbienen bis zu Schmetterlingen und Käfern.

So war das Thema für unser Erntedankfest bald gefunden: „Danke, Biene!“

Denn „die unverdross‘ne Bienenschar“, die Paul Gerhardt schon 1653 in seinem berühmten Sommergesang beschrieb, steht für das Wunder der Schöpfung. Dabei wusste Paul Gerhardt noch nicht halb so viel wie wir über den faszinierenden Superorganismus, den solch ein Bienenvolk darstellt, über die geheimnisvolle Organisation und Kommunikation, mit der diese Geschöpfe leben und arbeiten. Und wir Menschen sind mit ihnen als unseren Mitgeschöpfen vernetzt. „Wenn die Bienen sterben, haben die Menschen höchstens noch 4 Jahre zu leben“, soll Albert Einstein gesagt haben.
Erntedank, der Dank für die Bienen und das Staunen über die Wunder der Schöpfung erinnert uns also an unsere Verantwortung, die Schöpfung zu bewahren…

Thomas Steinbacher

L BDanke, Biene!