Angedacht

„Freundliche Reden sind Honigseim, süß für die Seele und heilsam für die Glieder.“

 Spr. 16,24 – Monatsspruch Juni 2019

Johann Peter Hebel, ein Volksdichter aus dem 18. Jahrhundert, hat die folgende Geschichte erzählt:
Da trifft ein Bauer den Herrn Schulmeister. „Ist es etwa ihr Ernst, Schulmeister, was ihr gestern den Kindern in der Schule erklärt habt: Wenn dich jemand schlägt auf deine rechte Backe, dem biete die andere auch dar?“ Der Herr Schulmeister sagt: „Ich kann nichts davon- und nichts dazutun. Es steht nun mal so im Evangelium.“ Also gab ihm der Bauer eine Ohrfeige und eine zweite auch, denn er hatte schon lange einen Verdruss auf ihn. Indem reitet in einer Entfernung ein Edelmann vorbei und sein Jäger. „Schau doch, Joseph, was die zwei dort miteinander haben.“ Als der Joseph kommt, gibt der Schulmeister, der ein starker Mann war, dem Bauern auch zwei Ohrfeigen und sagt: „Es steht auch geschrieben: Mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch wieder gemessen werden, und man wird euch noch dazugeben.“ Und zu dem letzten Sprüchlein gab er ihm noch ein halbes Dutzend Ohrfeigen drein. Da kam der Joseph zu seinem Herrn zurück und sagte: „Es hat nichts zu bedeuten, gnädiger Herr; sie legen einander nur die Heilige Schrift aus.“

Die Geschichte beschreibt auf lustige Weise, wovon wir ein trauriges Lied singen können: immer wieder werden Worte der Bibel und Argumente des Glaubens missbraucht, zu Ohrfeigen gemacht, oft sogar zu Waffen, mit denen man andere bekämpft und bekriegt.

„Es hat nichts zu bedeuten; sie legen einander nur die Heilige Schrift aus.“…

Wie lege ich anderen eine Wahrheit aus, von der ich überzeugt bin?

Wie diskutiere ich, wenn ich hinter einer Sache stehe: mit schlagenden Argumenten? Mit Worten, die wie Backpfeifen sind, die verletzen, abgrenzen, totschlagen? Auch in den politischen Auseinandersetzungen unserer Zeit erleben wir ja eine Verrohung der Sprache und der Sitten. Da geht es schon lange nicht mehr darum, im Abwägen verschiedener Meinungen die besten und die überzeugendsten Argumente herauszuarbeiten. Meist geht es nur noch um den medienwirksamen Schlag-Abtausch, um die Schlag-Zeile und das Schlag-Wort. Haben wir keinen Nerv mehr für die leiseren Töne, für die differenzierten Wahrheiten, die oft mühsamer zu erklären und zu verstehen sind? Max Frisch schrieb: Man kann die Wahrheit einem anderen um die Ohren hauen wie einen nassen Lappen. Man kann sie ihm aber auch hinhalten und ihm hineinhelfen, wie in einen Mantel, der wärmt.

Schön wär‘s, wenn wir mit unseren Worten und Argumenten so umgehen würden: einander hineinhelfen wie in einen Mantel, der wärmt.
 Thomas Steinbacher

 

L B„Freundliche Reden sind Honigseim, süß für die Seele und heilsam für die Glieder.“

„Suche Frieden und jage ihm nach!“


„Suche Frieden und jage ihm nach!“ (Psalm 34,15)

Das beeindruckende Foto auf dem Titelblatt hat Holger Mittelstädt im Oktober 2018 auf der schottischen Insel Jura „geschossen“: ein stolzer Hirsch, der trotz seines lädierten Geweihs voller Würde und Schönheit in die Kamera blickt. Hat ihm ein Jäger die rechte Seite seines Kopfschmucks weggeschossen? Oder hat er beim Kampf mit einem Rivalen einen Teil seines Geweihs eingebüßt?
Mir kommen die kitschigen Gemälde mit röhrenden Hirschen in den Sinn, die vielfach in den guten Stuben unserer Großeltern hingen. Diese Hirsche waren immer perfekt gemalt, mit prächtigem Geweih, in prächtiger Berglandschaft oder auf einer Waldlichtung im Abendrot. „Ein bisschen Frieden“ sollten sie wohl ausstrahlen, gerade in Zeiten, wo Krieg und Nachkriegszeit die Landschaften und die Seelen der Menschen verwundet hatten.
Mir gefällt der lädierte Hirsch besser. Er erscheint mir ehrlicher. Er bringt mich auf den Gedanken, dass ja die meisten von uns ebenfalls lädiert sind, mit Wunden und Narben durchs Leben gehen, von Kämpfen und Verletzungen gezeichnet sind. Niemand ist perfekt und mancher „hat einen Schuss“, wie man in Berlin so unverblümt sagt.
Es lohnt sich, den ganzen Psalm 34 zu meditieren, aus dem die Jahreslosung entnommen ist. „Der Herr ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben“, wird da versprochen. Und: „Die auf den Herrn sehen, werden strahlen vor Freude, und ihr Angesicht soll nicht schamrot werden“. Weil Gott uns so nimmt, wie wir sind, auch mit lädiertem Geweih, können wir strahlen, brauchen uns nicht schämen, können aufatmen. Wie der Hirsch auf dem Foto: Kopf hoch und gelassen den Dingen ins Auge schauen. Suche Frieden und jage ihm nach! Das heißt: Mache deinen Frieden mit dem, was dich geprägt und verletzt, gezeichnet und lädiert hat. Und dann: Suche Frieden mit den Menschen um dich herum, die nun mal so sind, wie sie sind. Und schließlich: Bete und arbeite für den Frieden in der Welt. Christus stärkt dir den Rücken. Er verheißt: „Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ (Matthäus 5,9)

Herzlich grüßt Sie und euch,

Thomas Steinbacher

L B„Suche Frieden und jage ihm nach!“

„Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“


„Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ (Lukas 21,28)

Wenn die vorweihnachtlichen To-Do-Listen immer länger werden, ein Termin
den anderen jagt, wenn die noch nicht erledigten Dinge mir im Nacken
sitzen und der Adventsstress den Höhepunkt erreicht, dann reagiert mein
Körper. Ich kriege in solchen Zeiten – gerne auch mal kurz vor
Weihnachten – einen steifen Hals, Verspannungen im Nacken, im
schlimmsten Fall Hexenschuss.
Und dann hilft nur noch Bärbel. Die nette und resolute Physiotherapeutin
legt mir Fangopackungen auf den Rücken und massiert meinen Nacken. Und
sie macht so Übungen mit mir: Rückengymnastik mitten im Advent. Da steh
ich dann und Bärbel erklärt mir, was ich tun muss: „Kopf hoch. Stell dir
vor, dein Kopf wird an einem Faden hochgezogen. Ganz langsam, wie von
einer unsichtbaren Hand. Und diese Hand zieht wie mit einem feinen Band
den Scheitel langsam nach oben, Richtung Himmel.“ Und tatsächlich,
Schmerz lass nach! Die Adventsgymnastik wirkt. Meine Halswirbel strecken
sich, die Schultern dehnen sich. Ich merke, wie ich besser atmen kann,
der ganze Körper richtet sich auf.
„Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“
Das ist die biblische Verordnung für den Advent. Sie gilt allen, die
ganz verspannt und verkrampft durch diese Zeiten rennen, mit hängendem
Kopf und steifer Seele, weil sie sich viel zu viel aufgeladen haben.
Weil ihnen Druck im Nacken sitzt oder Sorgen, die immer größer werden.
Kopf hoch, behaltet den Himmel im Blick! Starrt nicht immer nur wie
gebannt nach unten, aus Angst, vielleicht zu stolpern. Lasst euch nicht
runterziehen von Drohkulissen und Angstmachern. Starrt nicht immer nur
auf die eigenen, viel zu kleinen Kräfte, auf das, was misslingt, was
verletzt und wehtut. Gott hat dich als Homo erectus erschaffen, als
Mensch mit aufrechtem Gang. Wer immer nur nach unten starrt, auf das
kleine Stück des Weges, das gerade vor ihm liegt, der wird buchstäblich
kurzsichtig. Wer immer nur gebückt geht, wird krank. Die Welt wird eng.
Der Blickwinkel begrenzt. Die Aussicht deprimierend. Das Rückgrat
verkrümmt.
„Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“
Die Erlösung, der Erlöser – er kommt in einer Krippe zur Welt, als
Mensch unter Menschen und doch ganz anders. Er richtet verkrümmte
Menschen auf, er heilt geknickte Seelen, erlöst die verkorkste Welt,
bringt Gott unter die Leute und den Himmel auf die Erde.
Ich schiebe den Scheitel nach oben, ganz langsam. Ich hebe den Kopf, und
die Welt verändert sich. Der Himmel kommt in den Blick. Meine Stimmung
wird heller, ich atme auf. Ich will Bärbels Adventsgymnastik in meinen
Tagesablauf einbauen in dieser manchmal so stressigen Vorweihnachtszeit.
Nicht nur als Prophylaxe gegen steifen Hals, Hexenschuss und
Winterdepression, sondern als Vorbereitung auf den, der kommt.

Thomas Steinbacher

(„Das Wort“ am 9.12.2018  auf Radio Berlin 88,8)

L B„Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“

Herr, all mein Sehen liegt offen vor dir, mein Seufzen war dir nicht verborgen


Psalm 38,10 – Monatsspruch Oktober

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

im Urlaub auf Bornholm ist es mir im vorigen Jahr erstmals so richtig bewusst geworden, wie erschreckend viel „er“ über mich weiß. All mein Sehnen scheint offen vor „ihm“ zu liegen, dem Internetkonzern, bei dem ich täglich meine Suchanfragen eingebe, Adressen, Personen und Themen, die mich interessieren. Nicht nur das… – von „ihm“ lasse ich mich auch durch die Gegend navigieren, mit „seiner“ Hilfe buche ich Reisen und kaufe Dinge, die es im Laden um die Ecke nicht gibt. Und dann ploppen also im Bornholmer Ferienhaus (mit WLAN-Anschluss) auf meinem Smartphone plötzlich Nachrichten auf, und „er“ schlägt mir vor, welche Fischrestaurants es in der Nähe gibt und welche Konzerte in den nächsten Tagen im näheren Umkreis stattfinden. Ich war erschrocken: Woher weiß „er“, dass ich gerne Fisch esse und im Urlaub besonders gern Konzerte besuche?
Manchmal wirkt es, als würden Google & Co. mehr und mehr Attribute Gottes okkupieren: Allwissenheit, Allgegenwart, Allmacht. Doch bei den Riesen des Internet geht es letztlich nur um Kaufen und Verkaufen, um Geld und immer mehr Geld. Mein innerstes Sehnen und Seufzen, meine wahren Gründe und auch meine Abgründe – sie bleiben den digitalen Götzen verborgen.
Der lebendige Gott dagegen interessiert sich wirklich für mich. Er will, dass ich Sinn und Glück erlebe. Ihn kann ich mit Du anreden. Er hört und versteht auch das, was ich gar nicht aussprechen mag. Der Beter von Psalm 38 bekennt, dass Gott auch die dunklen Ecken kennt, die schwer zu tragenden Geheimnisse, die Sünden, die den Beter wie eine schwere Last krumm und gebückt gehen lassen. Einsamkeit, heißt es, sei eine Krankheit unserer Zeit, in der Menschen andere nicht brauchen, weil sie alles alleine können und machen – gern auch mit Hilfe der so genannten Sozialen Medien. So lange, bis sie in der realen, der „analogen“ Welt niemanden mehr kennen und selber nicht mehr gekannt werden. Erschreckend ist, dass bereits junge Menschen vereinsamen. Was nicht weiter auffällt, wenn sie ihr Sehnen nicht zeigen und ihr Seufzen niemand hört. Doch sie alle bleiben erfüllt von der Sehnsucht danach, dass das Leben wieder gut wird mit sozialen Bindungen, dass sie wieder Freunde finden oder in eine Familie zurückkehren. Gott versteht, hört hin, schenkt Vertrauen und Zuversicht, dieses Sehnen in Worte zu fassen.

Herzliche Grüße, Ihr und Euer

Thomas Steinbacher

L BHerr, all mein Sehen liegt offen vor dir, mein Seufzen war dir nicht verborgen

Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt.


Hebräer 13,2, Monatsspruch Juni

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Gastfreundschaft ist heilig. Davon erzählt die Bibel auf ihren ersten Seiten (1.Mose 18): an Abrahams Zelt kommen in der Mittagshitze drei Männer vorbei. Abraham bittet, ja nötigt sie, bei ihm einzukehren, sich die Füße waschen und sich bewirten zu lassen. Nach dem Gastmahl stellt sich heraus, dass in den geheimnisvollen Männern Gott selbst bei Abraham und seiner Frau Sara eingekehrt ist. Gott hat eine Verheißung mitgebracht: das alt gewordene Paar soll doch noch den lang ersehnten Nachwuchs bekommen.
Auf diese Geschichte spielt am anderen Ende der Bibel der Hebräerbrief an: Wenn wir gastfreundlich sind, dann könnte es sein, dass wir, ohne es zu ahnen, Engel – also Boten Gottes – an unseren Tisch einladen.

Gastfreundschaft kann überraschen. Als wir bei unserer Ägyptenreise in Alexandria bei der Besichtigung einer koptischen Kirche zufällig eine Hochzeitszeremonie miterlebten, wurden wir prompt eingeladen: zunächst ganz freimütig zum Fotografieren, und dann sogar zum Hochzeitsessen. Dabei waren wir doch völlig fremde Ausländer! Wir waren so perplex, vielleicht auch ein bisschen misstrauisch, dass wir die Einladung nicht angenommen haben. Im Nachhinein haben wir uns sehr ausgiebig über uns selber geärgert.
Zuhause habe ich auch schon das Gegenteil erlebt: bei alten Bekannten geklingelt und zu hören gekriegt: „Sorry, es passt gerade nicht!“

Gastfreundschaft macht glücklich. Ich will mir vornehmen, niemanden vor meiner Tür stehen zu lassen. Will mir auch ohne vorherige Anmeldung Zeit nehmen für ein spontanes Gespräch, eine kurzfristige Einladung.  Auch wenn es meine Pläne sprengt. Will die Feste feiern, wie sie fallen. Ob jedes Mal ein Engel zu Besuch war, weiß ich gar nicht so genau. Beflügelt haben mich aber unsere Gäste und die Gespräche eigentlich immer.

Ich wünsche euch allen, die ihr demnächst in den Urlaub aufbrecht, überraschende Begegnungen, glückliche Erfahrungen und Offenheit für andere, auch fremde Menschen. Und – wo es sich ergibt – Gastfreundschaft: im Geben und im Nehmen.

Herzlich,

Thomas Steinbacher

L BVergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt.

Jesus Christus spricht: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.

Jesus Christus spricht: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.

Johannes 20,21 – Monatsspruch April 2018

 

Liebe Leserinnen und Leser,

Der Monatsspruch ist aus einer dieser geheimnisvollen Oster- und Pfingstgeschichten aus dem Neuen Testament. Sie sind so geschrieben, dass wir uns darin wiederfinden sollen. Vielleicht so:

Wie die Jünger damals am Karfreitag haben auch wir uns zurückgezogen. Verschanzen uns hinter unseren Kirchenmauern oder ziehen uns ins Privatleben zurück. Lieber nicht in die Öffentlichkeit gehen mit der Jesusbotschaft! Man weiß ja nie… und überhaupt… Wir haben zwar die Geschichte von der Auferstehung gehört (wie die Jünger von Maria Magdalena: „Ich habe den Herrn gesehen!“), aber wir wissen nicht so recht, was wir damit anfangen sollen, was das für Auswirkungen haben soll auf unser Leben.

Da muss der Auferstandene schon selber kommen, muss unsere Mauern überwinden, vor allem die in den Köpfen. Er muss unsere Furcht aufweichen und unsere Bequemlichkeit. „Friede sei mit euch!“ sagt er. Interessanterweise muss Jesus das sogar mehrmals sagen, wie man in Johannes 20 nachlesen kann. Als sei sogar die persönliche Begegnung mit Jesus wiederholungsbedürftig. „Sie wurden froh, dass sie den Herrn sahen“, heißt es erstmal ziemlich verhalten. Begeisterung klingt anders. Die kommt erst beim zweiten Friede-sei-mit-Euch. Da bläst Jesus sie an, pustet ihnen den Schlaf aus den Augen und die Angst aus dem Herzen. „Nehmt hin den heiligen Geist!“ Lasst Luft in eure Mauern, Geist in eure Köpfe, Mut in euer Reden und Handeln!

„Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch!“ sagt Jesus und schickt uns damit nach Draußen. Wir brauchen nicht mehr nur unter uns bleiben. Nicht mehr nur mit Gleichgesinnten reden und essen und befreundet sein. Und auch das, was wir von Jesus gesehen und begriffen haben, müssen wir nicht mehr für uns behalten, sondern können es öffentlich zeigen und mit Leben füllen. Angstfrei und ohne jede Verbissenheit. Gottes Schalom hält uns den Rücken frei – versprochen von Jesus: Friede sei mit euch!

Eine gesegnete Osterzeit wünscht Ihnen und euch,
Thomas Steinbacher

 

L BJesus Christus spricht: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.

Durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes…

… wird uns besuchen das aufgehende Licht aus der Höhe, damit es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.

Lukas 1,78–79 // Monatsspruch Dezember 2017

 

Liebe Leserinnen und Leser,

die alten Meister konnten auf großartige Weise den Kontrast von Licht und Dunkelheit malen. So auch Federigio Barocci (1526-1612) mit seinem Bild der Geburt Christi, das auf der Titelseite des Gemeindebriefs zu bewundern ist. Im Zentrum die lichte Gestalt der Maria. Ihr leuchtender Blick und ihre offenen Hände wenden sich ihrem Kind zu, das ebenfalls von innen her strahlt und leuchtet. Der Rest des Bildes ist im Dunkel und Halbdunkel. Josef im Schatten hat gerade zwei Besuchern die Tür geöffnet und zeigt auf das Jesuskind, weist auf die Richtung, aus der das Licht kommt.

Auch wenn wir als moderne Menschen echte Finsternis kaum noch kennen und beispielsweise in Berlin wegen des Lichtsmogs kaum noch den Sternenhimmel bewundern können, haben wir doch eine Ahnung davon, was es heißt „in Finsternis und Schatten des Todes zu sitzen“.
Ich jedenfalls hab‘s gern hell, ich tappe nicht gern im Dunkeln, ich möchte lieber alles bei Licht besehen und durchschauen. Nächte, in denen ich nicht schlafen kann, weil etwas nicht in Ordnung ist, weil die dunklen Seiten des Lebens übermächtig scheinen, solche Nächte machen mir Angst. Ich warte auf den Morgen, darauf, dass es hell in mir und für mich wird. Wahrscheinlich werden nachts sehr viel mehr Gebete gen Himmel geschickt als tagsüber. Unsere Seelen brauchen Licht und Gottes Nähe, denn manche Nächte sind kaum auszuhalten.

Die Botschaft von Weihnachten erzählt von der Überwindung der Nacht. In dem Kind der Maria kommt Gott zur Welt. In Christus leuchtet uns Gottes Angesicht, strahlt uns an und überwindet Angst und Tod. Finstere Machenschaften werden überwunden, Dunkelmänner entmachtet. Unsere Füße werden auf den Weg des Friedens gerichtet. Auch in schlaflosen Nächten darf ich wissen: der neue Morgen kommt.
Ich wünsche Ihnen und euch eine lichtvolle Advents- und Weihnachtszeit und ein friedliches neues Jahr!

Thomas Steinbacher

 

L BDurch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes…

Danke, Biene!

Im Sommerurlaub habe ich „Die Geschichte der Bienen“ gelesen. Der Roman der norwegischen Schriftstellerin Maja Lunde verbindet das Schicksal der Menschen mit dem Schicksal der Bienen. Ein englischer Forscher entwirft im Jahr 1852 einen neuartigen Bienenstock, der eine artgerechte Bienenzucht und Honigproduktion ermöglichen soll. Ein zweiter Erzählstrang springt in die Gegenwart. In Ohio verschwinden im Jahr 2007 plötzlich die Bienen. Sie sterben massenhaft, und das treibt nicht nur Imker, sondern auch Obstbauern in den Ruin. Denn die Bienen sind ja nicht nur nützliche Honigproduzentinnen, sondern sie bestäuben die meisten Obst- und sonstigen Fruchtpflanzen. Der dritte Erzählstrang des Romans malt die düstere Zukunft einer Welt ohne Insekten. In China im Jahr 2098 müssen tausende Arbeiterinnen von Hand Bäume bestäuben, denn Bienen gibt es längst nicht mehr. Die Nahrungsmittelproduktion ist weltweit zusammengebrochen. Die Bestäubung von Obstbäumen durch Menschenhand kann dies nur ansatzweise wettmachen…

Meine Urlaubslektüre hat mich aufmerksam für die Welt der Insekten gemacht.
Mit Sorge nehme ich wahr, dass beim Autofahren übers Land kaum noch Insekten an der Windschutzscheibe kleben. Ich sehe, wie bienenfeindlich die riesigen Felder sind, an denen wir stundenlang vorbeiradeln. Monokulturen statt bunter Felder mit Rainen und wilden Wiesen. Mit Sorge lese ich die Nachrichten über das weltweite Bienensterben und die dramatische Dezimierung fast aller Insektenarten – von Wildbienen bis zu Schmetterlingen und Käfern.

So war das Thema für unser Erntedankfest bald gefunden: „Danke, Biene!“

Denn „die unverdross‘ne Bienenschar“, die Paul Gerhardt schon 1653 in seinem berühmten Sommergesang beschrieb, steht für das Wunder der Schöpfung. Dabei wusste Paul Gerhardt noch nicht halb so viel wie wir über den faszinierenden Superorganismus, den solch ein Bienenvolk darstellt, über die geheimnisvolle Organisation und Kommunikation, mit der diese Geschöpfe leben und arbeiten. Und wir Menschen sind mit ihnen als unseren Mitgeschöpfen vernetzt. „Wenn die Bienen sterben, haben die Menschen höchstens noch 4 Jahre zu leben“, soll Albert Einstein gesagt haben.
Erntedank, der Dank für die Bienen und das Staunen über die Wunder der Schöpfung erinnert uns also an unsere Verantwortung, die Schöpfung zu bewahren…

Thomas Steinbacher

L BDanke, Biene!

Es wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.


Lukas 15,10 – Monatsspruch Oktober 2017

Liebe Leserinnen und Leser,

 
Ich stelle mir ein himmlisches Erntedankfest vor. Die Engel schauen, welche Ernte sie eingebracht habe. Da gibt es viele tolle Begebenheiten. Sie erzählen von getrösteten Menschen. Da gibt es die Verkündigung, die große Freude hervorgerufen hat. Die Schutzengel haben viel zu berichten. Mancher Auftrag ist für die Boten Gottes gar nicht so leicht an die Frau und den Mann zu bringen, oft werden sie übersehen und ihre Arbeit und ihren Erfolg beanspruchen andere für sich. Wie menschlich es doch bei den Engeln zugeht. Und worüber freuen sich die Engel Gottes?
Ein Sünder, der Buße tut – das klingt erst einmal nicht so bemerkenswert. In der Praxis sieht das viel schwieriger aus. Erst einmal muss ein Mensch einen Fehler erkennen und dann noch gewillt sein, etwas zu verändern. Bis heute geht der Vergebung das Schuldeingeständnis, die Beichte voraus. Also viel Freude kommt bei den Engeln wohl nicht auf, oder? Was hat das mit Erntedank zu tun?
Die Saat der Gleichgültigkeit, der gegenseitigen Schuldzuweisungen, der Verantwortungslosigkeit geht ziemlich schnell auf. Streuen wir Vertrauen für andere Menschen und die Schöpfung, Frieden und Gerechtigkeit in den Acker des Lebens.
Schleichen wir uns zu den Engeln und feiern Erntedankfest. Ich bin sicher, es wird Freude sein bei den Engeln Gottes über mich, wenn ich nicht immer nur Ausflüchte suche, sondern auch etwas in meinem Leben verändern will.
Mit diesen Gedanken von Carmen Jäger laden wir Sie & euch herzlich zu unseren Gemeindeveranstaltungen im Oktober und November ein.

Herzliche Grüße,

Thomas Steinbacher

L BEs wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.

Aber Gottes Hilfe habe ich erfahren bis zum heutigen Tag und stehe nun hier und bin sein Zeuge bei Klein und Groß

Apostelgeschichte 26,22 – Monatsspruch August

Liebe Leserinnen und Leser,

„Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen.“ Diese Worte sind berühmt geworden. Mit ihnen soll Martin Luther 1521 beim Reichstag zu Worms seine Verteidigungsrede beendet haben. Luther weigerte sich, seine reformatorischen Überzeugungen zu widerrufen.
Luthers Mut, „Ich“ zu sagen und gegen die religiösen und politischen Autoritäten seiner Zeit dem eigenen Gewissen zu folgen, hat Geschichte gemacht und die Idee der Meinungs- und Gewissenfreiheit voran gebracht.

Auch Paulus sagt „Ich“ und steht zu seinen Überzeugungen. Der Monatsspruch ist einer langen Rede in der Apostelgeschichte entnommen, die der Apostel vor Agrippa, dem römischen König in Judäa hält. Paulus wehrt sich gegen die Anschuldigung, ein Unruhestifter zu sein. Er legt dem König sorgfältig dar, wie und warum er zum Glauben gefunden hat. Er redet nicht rechthaberisch. Er agitiert nicht. Er spricht vielmehr freundlich einladend von seinen Erfahrungen mit Jesus Christus. Er doziert nicht, sondern bezeugt sehr persönlich, wie er Gottes Hilfe in seinem Leben erlebt hat. Diese gewinnende Art „Ich“ zu sagen, beeindruckt sogar den König: „Es fehlt nicht viel, so wirst du mich noch überreden und einen Christen aus mir machen“, gesteht Agrippa (Apg 26,28).

„Hier stehe ich. Ich kann nicht anders.“ Bei uns kommt es nur selten zu solchen Bekenntnissituationen. Wir müssen wegen unseres Glaubens und Gewissens nicht um unser Leben fürchten – Gott sei Dank!
Trotzdem: auch heute ist es nicht egal, was wir glauben und denken, wie wir reden und handeln. Und wir sind als Christen wirklich gefragt und gefordert: wenn es z.B. um den Schutz von Flüchtlingen geht oder den Umgang mit Minderheiten oder die Rechte der Schwachen in unserer Gesellschaft. Und: ab und zu werde ich tatsächlich auch nach meinem Glauben gefragt, wie ich dies oder das „als Christ“ sehe… Dann möchte ich dem Beispiel des Paulus folgen und persönlich reden statt allgemein, möchte erzählen statt zu agitieren, einladend statt eifernd… „Gott helfe mir. Amen“.

Einen schönen Sommer wünscht Ihnen und euch,
Thomas Steinbacher

L BAber Gottes Hilfe habe ich erfahren bis zum heutigen Tag und stehe nun hier und bin sein Zeuge bei Klein und Groß